SuperBabe im Bürgerkriegsland

Dieser Text wurde zuerst auf Telepolis veröffentlicht

"..eine kurze Berichterstattung vom Schauplatz des Scharmützels zwischen einer guten und einer bösen Welt, Computernazis und Kriegergirls, plus einer kurzen Geschichte von Frauen in Comics."

Kurze Geschichte von Computers, Comics, Filmen und Babes

In den Neunzigern wurde die verfilmte Comicfrau bisher entweder als Neurotikerin (Cat Woman in Batman) oder aber als vorlaute Trendtante (Tank Girl) aus der Comicwelt auf die Leinwand gezerrt. In der jüngsten Verfilmung des Comic "Barb Wire" hat die weibliche Heroin endlich eine richtige Aufgabe zugewiesen bekommen. Anlaß für eine kurze Berichterstattung vom Schauplatz des Scharmützels zwischen einer guten und einer bösen Welt, Computernazis und Kriegergirls, plus einer kurzen Geschichte von Frauen in Comics.

Barb Wire - Mother of White Trash.

Nach einer Pause von über einem Jahrzehnt wurde das Thema "Frau und Gewalt" von der Filmindustrie erst Anfang der Neunziger neu aufgegriffen. Filme wie Alien, Blue Steel, Thelma und Louis u.a. stellten weibliche Hauptcharaktere direkt oder indirekt männlicher Gewalt gegenüber. Im Comicstrip - wenn man so will ein Medium, dessen Geschichte eng verzahnt mit der des Kinos verlief - balgten sich diverse Heldinnen auch in den Zeiten der 80ziger Regression weiter mit Monstern, Männern und Maschinen herum. Mit Wiederaufflammen des Interesses der Filmindustrie am Themenkomplex wurden zunehmend eben diese Comicheldinnen auf die entfremdende Leinwand geholt.

Das Comicgenre ist - ähnlich dem B- und C-Picture - eine kulturelle Nische, in der mit Themen aller Art radikaler umgegangen wird. Das Thema "Amerika versus Silicon Valley" war sowohl im A- wie auch im B-Picture lange Zeit tabuisiert. Nur im Comic mutierte der Konflikt zum Krieg, nur im Comic konnte es eine Frau sein, die als Hauptcharakter agiert. Die filmische Adaptionslücke wurde mit der Verfilmung der Comicsaga von Barb Wire endlich ausgefüllt.

1. Behauptung: Barb Wire, die verfilmte Comicstrip-Saga vom mörderblonden Babe mit Pamela Sue Anderson Lee in der Hauptrolle ist gemäß dem amerikanischen Bürgerkriegscomic ein amerikanischer Bürgerkriegsfilm.

2. Behauptung: Die Inszenierung von Kriegsfilmen gewinnt angesichts neuer internationaler Kriege und innenpolitischer Konflikte neue Facetten hinzu. Westliche Kriegs- und Spionagefilme handelten bis zum Zusammenfall des Warschauer Pakts meistens vom Überfall roter Truppen oder von geheimen Einsätzen im fiktiven/realen Feindesland. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der zugehörigen Ideologien hält innenpolitsch der Banden- und außenpolitisch der Fundamentalistenterror für filmische Stoffe her. Die Konflikte im eigenen Land, die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich, privilegierten und unprivilegierten Rassen, von Technologieherrschern und -beherrschten, werden nur im B-Picture drastisch inszeniert. Nur hier speisen sich die Szenarien zuweilen aus den gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart. Die Konfliktparteien in Barb Wire: Silicon Valley und der White Trash (Ausdruck für Angehörige der US-amerikanischen Unterschicht europäischer Abstammung).

3. Behauptung: Das funktioniert ganz einfach. Nur Pamela Sue Anderson Lee konnte diese Rolle übernehmen. Soweit ist die dralle Bademeisterin der TV-Serie "Bay Watch" nicht vom materialistischem "Kriegergirl in Leder" entfernt, wie man erst mal annehmen möchte. Kriegergirl ebenso wie Bademeisterin müssen durch das fremde, gefährliche Wasser des Unbewußten hindurchkraulen und beherzt auffischen oder ersäufen was sich ihnen entgegenschwemmt.

Bei kaum einem anderen weiblichen Star der Gegenwart vermischen sich private und öffentliche Identität so stark - und so offenherzig in Szene gesetzt - wie bei Pamela Sue Anderson Lee. Sie ist der weibliche Traum des White Trash, ein fleischgewordenes Silicon-Valley, wenn es darum geht, daß die Technik der Natur nachhilft. Sie ist Identifikationsfigur für all jene, die sich als Verlierer der Technologisierung der Industrieproduktion sehen und sich - ihrer Benachteiligung zunehmend bewußt werdend - eine eigene kulturelle Identität schaffen, die sich vor allem in Musik und Film wiederfindet. Der Film Barb Whire ist rassistisch, chauvinstisch und regressiv, propagiert aber auch den offenen Kampf der ignorierten weißen Masse gegen das Establishment.

In Barb Wire ist Pamela Anderson schlitternden Reifens auf einem Motorrad im Bürgerkriegsland USA unterwegs. Sie zeigt viel Haut, sie hat ein Tatoo, sie ist Kopfgeldjägerin und zugleich Wirtin eines Nachtlokals, in dem's so finster ist und wüst zugeht wie in jeder filmischen Hardrockkaschemme. Manche Kritiker behaupteten, daß Barb Wire eine verdrehte Adaption von Casablanca ist. Das stimmt nur teilweise, sieht man mal davon ab, daß Pamela Anderson als sexuelles Wesen im Film genauso unbefriedigt wegkommt wie die Bergmann. Das Kriegsszenario in Barb Wire entspricht den 90ziger Jahren: Personenidentifikation mittels Computer spielt in Barb Wire eine andere Rolle als die Ausweiskontrollen in Casablanca. In Casablanca geht es vordergründig um Verzicht und Verfolgung in Zeiten eines gemeinsamen Krieges gegen den Faschimsus, im B-Picture Barb Wire um ein faschistisches Establishment im Kampf gegen das überflüssig gewordene amerikanische Arbeitervolk. Die Computernazis suchen nach einer entflohenen Frau aus den eigenen Reihen, die sich zum Widerstand, geführt von einer Frau, durchzuschlagen sucht. Barb Wire verhilft zur Kontaktlinse, welche den Netzhautscanner, der via Netz mit einer Zentrale verbunden ist, austrickst. Im grossen Showdown rast Barb Wire mit einem Panzermobil und einem Motorrad durch Mienenfelder und Absperrungen zu dem von der UNO kontrollierten Flughafen, zerquetscht und zerfetzt schließlich die Schergen des "Kongresses" (der seinen filmischen Hauptstandort übrigens in Kalifornien hat) auf konventionell martialische Weise.

4. Behauptung: Fast jeder amerikanische Film hat eine Heilsverkündung und auch Barb Wire hat eine. Eine amerikanische Frau gewinnt stellvertretend für die vergessene Klasse Amerikas ein kleines Scharmützel im Kampf der Unterdrückten gegen die High-Tech-Industrie..

5. Behauptung: Das Leben ist ein B-Picture oder aber ein Comic. Auch im realen Leben ist Pamela Anderson tätowiert. Ein Tape mit einem Homeporno von Pam und ihrem ebenfalls tätowierten Musiker-Gatten ist zerstückelt schon länger irgendwo im Internet unterwegs. Der Computer/das Netz bemächtigt sich sozusagen der Trash-Familie als Livecomic von Comicfrau, Comicmann und dem daraus resultierenden jüngst geboren Comickind.

Credits USA, 1996 Regie: David Hogan Darsteller: Pamela Sue Anderson Lee, Udo Kier, Victoria Rowell, u.a. Drehbuch: Chuck Pfarrer and Ilene Chaiken.

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